Offener Brief an die Schulgemeinschaft der Freien Schule Glonntal

Teil 3: Rückblick auf 12 Schuljahre unserer Kinder. Verfasst von Birgit Schaldecker, mit dem Versuch Persönliches und doch auch Überpersönliches zusammen zu bringen. Im Juli 2019.

Die Oberstufenzeit

Dann die Oberstufe mit herausfordernden Epochen und Gesprächen, die aus unseren Kindern junge, bewusste, kritisch hinterfragende und doch positive und weltoffene junge Erwachsene gemacht hat. Tolle Begegnungen, tolle Impulse und viele unvergessliche Ereignisse wie die großen Aktionskunstwerke, großen Reisen und das viele Tanzen! Hier entstand Weltnähe, Körperlichkeit und Selbstbewusstsein. Und eine Gemeinschaft unter den Jugendlichen, die sie weit über die Schulzeit hinaustragen wird.

Den Kindern bot sich in der Schule die Möglichkeit, alle Entwicklungsschritte - vom kleinen Schulkind bis zum jungen Erwachsenen - auf einem Fundament des Vertrauens zu vollziehen. Keine von Angst durchzogenen Reifeprüfungen – keine von Misstrauen oder Skepsis unterwanderten sozialen Beziehungen; stattdessen erlebnisreiche Projekte in der Natur und das Selbstbewusstsein stärkende Theater-, Musik- und Kunstaufführungen vor Schul- und Elterngemeinde und sogar vor der großen Öffentlichkeit.

Und all diese Entwicklungsprozesse wurden begleitet und geleitet von Herrn Lüling, der – auf einen kurzen Nenner gebracht – die Welt in all ihren Zusammenhängen versteht und dieses Verständnis den Kindern so vermittelt, dass dadurch deren ureigenste, auf die Erde mitgebrachte, überlebensnotwendige Sensibilität erhalten bleiben kann und nicht durch falsche Wahrnehmungen oder willkürliche Normen der Erziehung und ähnlichem unterdrückt wird; die Sensibilität, die unsere Kinder brauchen werden für die Lösung der gewaltigen Probleme auf unserem Planeten, die wir Erwachsene ihnen hinterlassen.

Besonders beeindruckend für mich war, dass die Kräfte, die Herr Lüling an der Schule zum Wirken bringt, sogar in der Lage sind, bei den Kindern zum Teil schon lange vorbestehende Fesseln von Angst und Unterdrückung zu lösen – ich denke da nicht nur an Kinder, die mit dem Stigma/der Fehldiagnose einer Verhaltensstörung oder psychischen Krankheit an die Schule gekommen sind, sondern sogar an das – noch beim Schuleintritt verschwiegene - Schicksal einer viele Jahre lang im Elternhaus missbrauchten Schülerin, die sich hier öffnen und sich Herrn Lüling anvertrauen konnte.

Vieles versteht man wirklich erst viel später. So auch zum Beispiel das Thema, der Akzeptanz und der „fehlenden“ Selektion. Ist man doch manchmal gestresst, wenn sehr schwierige Kinder an der Schule angenommen werden, und diese Kinder eher die weniger eleganten Seiten bei den eigenen Kindern hervorbringen.

Steht man doch jetzt so kurz vor den Prüfungsvorbereitungen, sieht man doch deutlich das Drama, das selbst an den anderen Waldorfschulen stattfindet. Wo junge Erwachsene einfach nicht zugelassen werden und sie nach den behüteten Jahren, dann doch die Willkür der Selektion erleiden müssen, ohne dass sie genau hier, ihren Willen entwickeln können und dürfen. Die Tiefe dieser Auswirkungen lassen sich nur erahnen.