Einmal um Elba - unterwegs auf dem Meer und zu sich selbst
Drei Boote, eine Insel und viele junge Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machten: Mit unseren Segelschiffen Antina, Vanessa und Opi Imagon umrundeten die Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Klasse die Insel Elba. Doch wie so oft war das Ziel nicht allein der Hafen, den man am Ende erreicht. Der eigentliche Weg führte durch Begegnungen, Herausforderungen und Augenblicke, die sich nicht planen lassen.
Das Meer verlangt Aufmerksamkeit. Es lässt sich nicht beschleunigen und nicht beherrschen. Es lädt dazu ein, den Moment wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und sich aufeinander einzulassen. An Bord wurde schnell spürbar, dass eine Gemeinschaft nur dann trägt, wenn jeder seinen Platz findet und zugleich bereit ist, den anderen zu unterstützen. So entstand aus vielen Einzelnen nach und nach eine Crew.
Jeder Tag hielt neue Erfahrungen bereit. Beim Klippenspringen kostete es manche Überwindung, den entscheidenden Schritt zu wagen. Kurz zuvor bekamen wir einen Gedanken mit auf den Weg: den Augenblick bewusst zu erleben und den Mut zu finden, sich vom festen Boden ins Unbekannte zu lösen. Vielleicht beschreibt gerade dieses Bild den Segeltörn am treffendsten. Entwicklung beginnt oft dort, wo Vertrautes losgelassen wird und Vertrauen den nächsten Schritt trägt.
Das Sammeln der Kristalle machte sichtbar, wie die Natur über unvorstellbar lange Zeit Schönheit entstehen lässt - verborgen im Gestein und erst auf den zweiten Blick erkennbar. Beim Stadtspiel wurde die Insel selbst zum Lern - und Erfahrungsraum. Und als der Weg schließlich in eine dunkle Höhle führte, zeigte sich erneut, dass Mut oft dort beginnt, wo man bereit ist, einen Schritt ins Unbekannte zu setzen.
Mindestens ebenso wertvoll waren jedoch die leisen Momente. In den täglichen Gesprächsrunden richtete sich der Blick nach innen. Es wurde erzählt, zugehört, gelacht und nachgedacht. Gedanken fanden Worte, Erfahrungen bekamen Bedeutung und manche Begegnung gewann eine Tiefe, für die im Alltag oft kaum Zeit bleibt. Das Schreiben des Tagebuchs half dabei, das Erlebte nicht nur festzuhalten, sondern auch zu verstehen.
Wenn ich heute auf diese Reise zurückblicke, merke ich, dass ich nicht nur die Schülerinnen und Schüler anders kennengelernt habe. Ich habe auch den Geist unserer Schule neu entdeckt. Vieles, was sich im Schulalltag leicht wie ein pädagogischer Gedanke anhört, wurde auf Elba zur Wirklichkeit. Gemeinschaft entstand nicht, weil sie eingefordert wurde. Vertrauen wuchs nicht, weil darüber gesprochen wurde. Es entstand, weil wir gemeinsam unterwegs waren - auf dem Meer und miteinander.
Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie Luki Stiepert diesen Raum eröffnete. Mit großer Ruhe, Aufmerksamkeit und Vertrauen begleitete er die Jugendlichen, ohne ihnen ihre Erfahrungen vorwegzunehmen. Er schuf einen Raum, in dem Begegnung möglich wurde - zwischen den Schülerinnen und Schülern, aber auch mit sich selbst. Gerade darin liegt für mich die besondere Kraft dieser Segeltörns. Sie lassen sich nicht planen und nicht inszenieren. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel von Menschen, Natur und dem Mut, sich auf beides einzulassen.
Als ich von Elba zurückkehrte, blieb deshalb nicht zuerst die Erinnerung an einzelne Programmpunkte. Es war vielmehr das Gefühl, dass dort etwas erfahrbar geworden ist, was sich nur schwer erklären lässt. Ich habe verstanden, warum diese Törns von Anfang an das Fundament der Freien Schule Glonntal sind, auf dem sie gegründet worden ist. Sie schenken jungen Menschen Erfahrungen, aus denen Vertrauen, Selbstvertrauen und echte Begegnung wachsen können. Und vielleicht erinnern sie auch uns Erwachsene immer wieder daran, worum es in der Bildung im tiefsten Sinne geht.
Auch in mir hat diese Woche etwas nachklingen lassen. Noch lange nach unserer Rückkehr zog es mich hinaus in die Natur. Ich suchte häufiger die Stille als die Ablenkung, verbrachte die Nächte lieber unter freiem Himmel als in geschlossenen Räumen und bemerkte, wie vieles, was im Alltag selbstverständlich geworden war, plötzlich an Bedeutung verlor. Vielleicht liegt gerade darin die Kraft solcher Erfahrungen: Sie enden nicht mit der Rückkehr in den Heimathafen, sondern wirken leise weiter und verändern den Blick auf das Wesentliche.
Die Segeltörns rund um Elba, aber auch nach Korsika, Sardinien bis nach Rom sind weit mehr als eine Klassenfahrt. Sie schaffen einen Erfahrungsraum, in dem Lernen lebendig wird. Gemeinschaft, Verantwortung und Vertrauen erschließen sich nicht allein im Gespräch - sie wollen erlebt werden. So kann, im Sinne Rudolf Steiners, das Denken zum Erleben werden. Aus gemeinsam bewältigten Herausforderungen entstehen Erkenntnisse, die nicht nur verstanden, sondern innerlich erfahren werden.
Verena Demmel




