Regenbogenspiele

Vorwort

Kindheit, die Wiege der Menschheit

Die Regenbogenspiele, sie erzählen eine Geschichte in Bildern aus Bewegung, Musik und Tanz, eine Geschichte, die kein Märchen ist, sondern eine Wirklichkeit, die man nur nicht mit äußeren Augen sehen oder mit Ohren hören kann.

Es ist die Geschichte von den Kindern in unserer Welt, von unseren Kindern und Jugendlichen, aber auch von unserem eigenen "inneren Kind", von unserem eigenen noch verborgenen Werde-Vermögen, das von Begabungen erzählt, die still zwischen Selbstzweifeln und Zukunftsängsten leben und immer wieder auf den Clown hoffen, auf den Narren in uns, der uns immer wieder über die Schwelle des "Undenkbaren", des "Unvorstellbaren" in die farbige und frohe, in die farbenfrohe Welt der Begegnung, des Willkommens, führen kann.

Unsere Regenbogenspiele erzählen von den geheimnisvollen Begabungen der Kinder, die wir Erwachsenen nicht kennen und deshalb oft so leichtfertig übergehen, vielleicht sogar zertreten „unter unseren Joggingschuhen des Alltagsstresses“, ohne es zu wollen und ohne, dass sie sich wehren können, denn die Kinder, sie kennen ihre Begabungen und ihre Berufung ja selbst nicht. Aber sie ahnen merkwürdigerweise den Zauberspruch für die Lösungen der Probleme und Aufgaben unserer Zeit, sie können ihn erfinden, mit dem unsere gemeinsame Zukunft erschaffen werden kann. Und die Kinder der Welt, sie sollen sich nicht als Fremdling auf unserer Erde wiederfinden müssen,  sondern als willkommenes Kind -wie alt auch immer. Wenn sie vertrieben werden, werden wir alle zu Flüchtlingen werden auf einer Erde ohne Regenbogen, ohne Staunen, ohne Schönheit,  ohne Zauber des Willkommens.

Lassen Sie sich also verzaubern von der Schaffensfreude der Kinder, von ihren kleinen und großen Beiträgen, die alle nicht Perfektionismus, sondern Kreativität, nicht "Fertiges" sondern "Werdendes" in ihren Darbietungen zeigen, sondern "Bildung" eben, die dort beginnt, wo jeder sich angenommen fühlt, wo er mit all seinen Schwächen und Begabungen im Hier und Jetzt lebt.

Hartmut Lüling, 23.Juli 2016

Der Regenbogen und das Kind

Wen lässt das Aufleuchten eines Regenbogens nach einem Regenguss nicht staunen? Man bleibt stehen und verweilt tief berührt im Anblick dieses Naturschauspiels, wenn fein verteiltes Wasser von Licht durchstrahlt wird und vor dem dunklen Hintergrund die Farben des Regenbogens erscheinen, der von seinem Idealbild immer doppelt ausgebildet ist.


Das Wort scheinen hat übrigens eine bemerkenswerte Doppeldeutigkeit, das Licht scheint und es scheint so zu sein. Das eine Wort beleuchtet uns die Oberfläche der Dinge, der irdischen Gegenstände und ihren Zusammenhang im Raum, das andere Wort hält unser Denken in einer urteilsoffenen Bewusstseinshaltung - es scheint so zu sein, aber es muss nicht so sein. Beide Bedeutungen weisen uns auf das Rätsel der sogenannten Wirklichkeit hin, welches tiefer ist als wir zunächst annehmen. Wenn wir die Welt mit unseren Augen anschauen, so bemerken wir meist nicht sogleich, dass wir nur sehen, wovon wir einen Begriff haben.


Das einfache Beispiel eines Sechsecks mit den innen verbundenen Eckpunkten kann helfen, dieses Phänomen der sogenannten Wirklichkeit bewusst zu machen.

Man sieht nämlich tatsächlich entweder eine sechseckige Pyramide von oben oder einen dreidimensionalen Würfel - sehen Sie ihn? - oder einen Sonnenschirm von oben ... Sieht man das eine, so ist das andere nicht sichtbar, für die Beobachtung  verschwunden. Denn wir sehen nicht nur, was die Augen sehen, sondern wir sehen welche Vorstellung, welchen Gedanken wir unbewusst damit verbinden - eines der fundamentalen Probleme der Erkenntnistheorie - und der Erziehung! Wir wollen aber durch erkenntnistheoretische Diskussionen diesem „Schauspiel der Wirklichkeit“ hier nichts nehmen, sondern es unvoreingenommen einfach gelten lassen. Philosophisch weist Rudolf Steiner auf dieses vorbewusste Entstehen unserer Wirklichkeit in einem seiner Grundwerken, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der goetheschen Weltanschauung, hin. Was an diesem Beispiel relativ leicht erfassbar ist, ist uns in der fortwährenden alltäglichen Wahrnehmung, in unseren Begegnungen usw. stets unbewusst. Der Bewusstseinsvorgang, der die Sinneseindrücke mit Gedankeninhalten verknüpft, läuft blitzartig schnell „vorbewusst“ ab. Wir bemerken das Geheimnis der Wirklichkeit überhaupt nicht, nämlich dass es von mir, meinem Denken, von meiner Seelendynamik und andererseits von der Gesundheit meiner Leibesorganisation mit ihren Sinnen abhängt. Die Wirklichkeit zerfällt auf jeden Fall in eine Dualität von unbewusstem Sinneseindruck und vorbewusster Gedankenwahrnehmung, eine höchst folgenschwere Tatsache in Bezug auf die Bildung des Menschen, die letztlich nur aus Begegnung besteht.

Was hat dies nun mit unseren „Regenbogenspielen“ zu tun?

Sehr viel, denn zeigt der Regenbogen doch in seiner „Er-scheinung“ all diese Rätsel in bildhaft-symbolischer Weise. Der Regenbogen teilt die Welt in ein „Davor“ und ein „Dahinter“, niemals kann man ihn mit Augen von der anderen Seite sehen. Er ist ein Tor in eine Welt des Unsichtbaren, er verzaubert die Komponenten Licht und Finsternis durch das Medium des fein verteilten Wassers zu einem Farbenbogen - er offenbart seine zarte Wirklichkeit.

Kinder „erscheinen“ auch mittels zweier natürlicher Komponenten, Mutter und Vater, im Diesseits unserer Welt. Auch sie sind undurchschaubar und ein Tor in eine andere farbenfrohe Welt - wie der Regenbogen. Auch sie brauchen, um ihre biographische, individuelle übernatürliche Wirklichkeit ihres Wesens erscheinen lassen zu können, einen Zauber, der unsere Welt derart verfeinern kann, so fein wie das Wasser sich zerstäuben muss im Regen, um das Licht aufnehmen zu können. Diese Verfeinerung der Lernwelt des Kindes - und letztlich unser aller Lernwelt - liegt nun in der Kunst als schöpferischem Wahrnehmungsprozess.

Vielleicht sind wir Menschen auch  ein „Symbol“, vielleicht das größte Symbol der Welt, dessen Wirklichkeit wir nur ahnen, die uns aber Kinder - das Kind erschließen kann. Dann wird plötzlich das Kind zum Lehrer, dessen Sprache man erst hören lernen muss - im „Rauschen des Regens“.

Ich meine, dass von der Erziehung unserer Kinder sehr viel abhängt, wenn nicht sogar alles. Nicht umsonst fordern die Kinder von uns alles, was wir ohne sie niemals geschafft, niemals an Überwindung unserer eigenen Eitelkeiten und Machtbestrebungen erreicht hätten. Die Kinder sind vor diesem Hintergrund die eigentlichen Mysterienstätten der Gegenwart und der Zukunft. Sie rufen in uns erwachsen gewordenen Menschen wach, was Goethe in dem Gedicht Selige Sehnsucht ausspricht:

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Die alten Mysterien der Megalith-Kulturen sind zusammengebrochen, das Rätsel des Todes ist auf der Erde angekommen, hat sich „verkörpert“. Unsere Gegenwartskultur mit ihren Zerstörungskräften und schöpferischen Neuanfängen aus dem freien Ich des Menschen beweist dieses „offenbare Geheimnis“. Dies ist das Thema unserer „Regenbogenspiele - Welt der Kinder, Kinder der Welt“, mit dem Kind im Zentrum, im Zentrum einer Bildungskunst, einer Magie der Liebe, die wir nur gemeinsam entdecken können.

Hartmut Lüling